So wird das nichts mit der Reconquista!

Das katholische ASG-Bildungsforum in Düsseldorf lud am 30. Januar 2009 zu seinem Jahresempfang, und als Höhepunkt war ein Vortrag des Erzbischofs von Madrid und Vorsitzenden der Spanischen Bischofskonferenz Antonio María Kardinal Rouco Varela angekündigt zum Thema „Verbindendes und Trennendes – Zum Verhältnis von Staat und Kirche in Europa“. Rouco Varela hat den Ruf, im konservativen spanischen Klerus einer der konservativsten zu sein. Mehrfach mobilisierte er über 100.000 Demonstranten gegen die sozialdemokratische Regierung unter Joseluis Zapatero. Anders als in Deutschland ist auch die spanische extreme Rechte fast vollständig streng katholisch und auf den einschlägigen Veranstaltungen treten regelmäßig katholische Priester auf. Katholische Neonazis posieren mit dem faschistischen Gruß vor dem Bild des Papstes und katholische Nazi-Skinheads tragen auf Demonstrationen große christliche Kreuze durch die Gegend.

Die Einladung klang vielversprechend, und ich wollte mir dieses festliche Ereignis wenige Tage nach der Wiederherstellung der Einheit der heiligen römisch-katholischen Kirche nicht entgehen lassen.

Gleich zu Beginn eine Enttäuschung. Die Veranstaltung begann mit Chopin auf dem Flügel und nicht etwa mit einem Gebet und etwas Weihrauch. Ich hatte gerade erst gelernt, dass die Konkurrenz von Milli Görüs jede Kundgebung mit einem langen Gebet beginnt. Da hätte ich schon erwartet, dass eine erzkatholische Bildungseinrichtung zumindest Waffengleichheit herstellt.

Es folgte die Begrüßung des Leiters des ASG Bildungsforums. An einer Stelle dachte ich schon, jetzt wird es spannend. Es sei ganz besonders bedeutsam, dass man sich hier an einem 30. Januar treffe. Na, am 30. Januar, da war doch mal was; er wird doch wohl jetzt nicht auf Holocaustleugner in der katholischen Kirche eingehen? Nein, weit verfehlt. Er fuhr fort, am 30. Januar habe das hochgeehrte Publikum sicher schon unzählige Neujahrsempfänge hinter sich, und deshalb sei es besonders erfreulich, dass trotzdem über 500 Gäste den Weg zu dieser Veranstaltung gefunden hätten. Ich sah mir die 250 Gäste an. In der Tat sahen sie so aus, als würden sie im Januar von einem Empfang zum anderen tingeln. Gutbetuchte Bürger und Bürgerinnen mit ausgeprägtem Klasseninstinkt.

Der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Dirk Elbers, ließ es sich nicht nehmen, sein Grußwort persönlich vorzutragen. Ich hatte den Eindruck, es handelte sich für ihn nicht um die übliche Pflichterfüllung mit der Standardrede, die man als Bürgermeister halt mit kleinen Variationen auch vor der IHK, im Altenheim oder im Karnevalsverein abliefert. Elbers betonte auch persönliche inhaltliche Verbundenheit und vergaß nicht, auf gemeinsame (wahrscheinlich gut dotierte) Projekte von ASG und der Stadt Düsseldorf hinzuweisen. Und ich dachte immer, der wahre Glaube sei eher in Köln zu Hause!

Dann wurde der Hauptredner angekündigt. Es sei ein Glück, dass der Vortrag nicht etwa in Spanisch gehalten werde. Der hochverehrte Kardinal habe in den 50er Jahren eine Zeit lang in Deutschland gelebt und werde deshalb in deutscher Sprache vortragen.

Das ASG hätte nicht so knauserig sein sollen, es hätte dem Mann einen Übersetzer an die Seite stellen sollen. Rouco Varela gehört zu den Menschen, die glauben, mangelnde Sprachkompetenz durch undeutliche Aussprache kaschieren zu können. Zudem scheint er der Auffassung zu sein, dass man die Kunst der Rhetorik Mephisto überlassen sollte. Vortrag und Inhalt waren staubtrocken, so als ob ein Kanzleibürokrat gelangweilt eine abstrakte juristische Abhandlung vorträgt.

Auch die Inszenierung war schlecht. Das kann die katholische Kirche doch wirklich besser! Aber vielleicht liegt es ja daran, dass sich in Düsseldorf der modernistische Rauch Satans immer noch in den Mauern der Kirche hält? Einzig das extravagante Kostüm stach hervor: Schwarzes Kleidchen, Ränder und Knopflöcher rot abgesetzt, rotes Käppchen, breite, rote, seidene Bauchbinde, die an der Seite mächtig fast bis zum Boden herunterhing.

Ich habe tapfer durchgehalten. Und auch das Publikum verzichtete auf Unmutsäußerungen. Man war stolz, einem leibhaftigen Kardinal gegenüberzusitzen, und schließlich geht man auf solche Veranstaltungen nicht um sich zu bilden, sondern um sein Gesicht zu zeigen und Kontakte zu pflegen. Da unterscheidet sich das katholische Bürgertum nicht von den Freimaurern.

Rouco Varelas Vortrag war wie gesagt keine Rede, sondern eine emotionslos abgelesene abstrakte Abhandlung. Angesichts der Verständnisprobleme kann ich den Inhalt nur sehr subjektiv und nicht präzise wiedergeben. (Wer sicher gehen will, sollte versuchen, sich das Original-Manuskript zu besorgen.)

Rouco Varela holte selbstverständlich weit aus und schilderte Europa als von Anfang an christlich begründet. So richtig christlich wurde es nach der Reconquista, die er aber nicht beim Namen nannte. In der Neuzeit ist der Widerpart zum christlichen Europa der Laizismus und der laizistische Staat. Die extremsten Formen des laizistischen Staates seien der Nationalsozialismus und der Sowjetkommunismus gewesen. Über Franco-Spanien sagte er nichts, aber das zählte mit Sicherheit zur Achse des Guten.

Auch nach dem Untergang der Sowjetunion sei der Gegner nicht verschwunden, sondern tritt überraschenderweise in neuer Form wieder auf. Naturrecht, Menschenrecht, UNO, Europa seien durch und durch christlich (ja, ich habe mich nicht verhört: auch die Gründung der UNO!). Die Konfliktlinien deutete er nur ganz grob an: Familienpolitik, Lebensschutz, Religionsfreiheit. Unter letzterer versteht er offenbar Verteidigung und Ausbau der Privilegien der katholischen Kirche. Dass mit Religionsfreiheit auch die Rechte von Muslimen und von Atheisten gemeint sein könnten, thematisierte der Redner nicht.

Aber ich merke schon, ich schildere seinen Vortrag schon wieder viel, viel spannender, als er in Wirklichkeit war. Meine Hoffnung, von einem solchen Mann klare Worte zu hören, wurde bitter enttäuscht.

So wie man sich früher in der DDR in solchen Reden obligatorisch auf irgendwelche Lenin-Zitate und auf die Beschlüsse des soundsovielten Parteitages beziehen musste, so bezog sich Rouco Varela auf Schriften von Joseph Ratzinger und die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Aber es kann natürlich sein, dass mir diese Assoziation nur wegen des sich ähnelnden Vortragstils kam. Es gab jedenfalls zum Abschluss kein rhythmisches Klatschen und keine Hochrufe des Publikums, sondern höflich gesagt, sehr verhaltenen Beifall. Man war nicht enttäuscht, aber froh es endlich hinter sich zu haben. Schließlich folgt man auch im Gottesdienst nicht aufmerksam dem Geschehen auf der Bühne, sondern döst so vor sich hin.

Ich stahl mich vor Abschluss der Veranstaltung hinaus. Und schon gab es eine weitere Enttäuschung. Kein kaltes Buffet. Ich schlürfte ein Gläschen katholischen Weißwein (ist der Rotwein vielleicht nur für Priester?).

Die veraltete Ausgabe der katholischen Tagespost vom 24. Januar konnte man als Probeexemplar mitnehmen. Titelstory: „Ein ‚Akt außerordentlichen Großmuts’“. Es gebe das Gerücht, die Begnadigung der vier Lefebvre-Bischöfe stehe unmittelbar bevor. Immerhin waren die Redakteure bestens informiert. Sie erwähnen auch, dass einer der Bischöfe ein Holocaustleugner ist und ein anderer den gegenwärtigen Papst erst kürzlich als Häretiker beschimpfte. Dies kann selbstverständlich die herzliche Wiedervereinigungs-Freude aller, die bei der katholischen Kirche ihre Brötchen verdienen, nicht schmälern.

Ich schlenderte weiter und nahm mir eine Tüte mit Warenpröbchen einer die Veranstaltung sponsernden Firma. In der Tüte befand sich neben Werbeheftchen eine kleine silberne Schachtel. Ich musste lachen, das sah wirklich so aus wie eine Packung mit Kondomen! Ich beschloss zu gehen, denn lange hätte ich nicht mehr ernst, höflich und zurückhaltend bleiben können.

Doch da traute ich fast meinen Augen nicht! Der Veranstaltungssaal war in einem Museum. Den schmalen Ausgang des Gebäudes flankierten zwei Säulen aus Monitoren mit einer Videoinstallation. Wenn man ins Freie wollte, musste man durch einen engen Gang zwischen einer sich bewegenden, flimmernden, überlebensgroßen Eva und einem sich bewegenden, flimmernden, überlebensgroßen Adam hindurch, beide ohne Feigenblatt. Ich pfiff fröhlich die Marseillaise und verließ die heiligen Hallen.

Wollen wir wetten, dass Antonio María Kardinal Rouco Varela den Hinterausgang nahm?

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