Es wurde mal wieder Zeit für eine agnostische Wallfahrt nach Weihrauchcity.
Eine Reportage über eine meiner früheren Wallfahrten 2011 finden Sie hier: Ratzinger im Bundestag – Hafenstaedter in Kevelaer.
Auf den ersten Blick hatte sich nicht viel verändert. Der heilige Georg erlegt den teuflischen Drachen nach wie vor locker, wie nebenbei mit seiner Lanze. Geschaffen von einem alten Oberammergauer Meister ohne Preisschild und Jahr. Seltsam, dass ich das arme Monster wieder einmal viel sympathischer finde als den Helden.
Doch dem erfahrenen Wallfahrer fallen Veränderungen auf. In der Marien-Basilika hing viele Jahre lang über dem schwebenden Kruzifix eine riesige blutrote Dornenkrone mit eingebauten Scheinwerferchen. Diese Installation ist nun verschwunden. Ist der Leuchter einfach nur in Reparatur? Oder war er wegen der krassen Effekthascherei nun doch zu peinlich?

Weihrauchcity, Marien-Basilika, September 2011, mit Dornenkronenleuchter. Foto Copyright Hafenstaedter

Weihrauchcity, Marien-Basilika, Oktober 2026, ohne Dornenkronenleuchter. Foto Copyright Hafenstaedter
In der angrenzenden Beichtkapelle sind Reliquien ausgestellt, u.a. von Johannes Paul II. „Bei der Reliquie handelt es sich um ein in Blut getränktes Stück Stoff seiner Soutane“.
Gegenüber wird eine Reliquie von Pius X. gezeigt. Diesen Papst haben sich die Anhänger von Marcel Lefebvre als Namensgeber ausgesucht: Priesterbruderschaft St. Pius X. Ob sie hier nach ihrem Aufstand gegen den neuen Papst weiter willkommen sind?
Fotos dieser Ausstellung möchte ich nicht zeigen. Der Reliquienkult wirkt auf Außenstehende sehr befremdlich. Aber ich gebe zu bedenken, dass andere sich ähnliches abgeguckt haben. Unsere kommunistischen Freunde haben z.B. Lenin, Mao und Ho Chi Minh einbalsamiert und zur Verehrung ausgestellt.
Der Wallfahrtsbetrieb geht wie gewohnt weiter. Dackel wurden diesesmal nicht gesegnet. Dafür fand am 3. Oktober eine Oldtimer-Traktoren-Wallfahrt statt. Ca. 50 geschmückte, stinkende Diesel-Trecker fuhren langsam am Heiligtum vorbei und wurden mit Weihwasser bespritzt. Diese Zeremonie bereitete offenbar allen Beteiligten großes Vergnügen. Vielleicht könnte man das noch steigern, wenn Wasserpistolen zum Einsatz kämen.
In den Auslagen der Andenkenläden gab es früher immer zahlreiche Abbildungen und Figürchen von Päpsten. Wojtyła und Ratzinger standen hoch im Kurs und vereinzelt konnte man auch Bergoglio finden, wenn man danach suchte. Unter Prevost sind nun plötzlich alle Papstbilder verschwunden. Hat das etwas zu bedeuten? Pater Pio statt Papst?
Die magischen schwarzen Gewitterkerzen gibt es nach wie vor. Doch sie sind nun mit einer Rechtfertigung aus „kirchlichen Unterlagen“ versehen mit Wikipedia als Quelle. Aberglaube wird als Volksfrömmigkeit zur katholischen Tradition.
Man kann nicht behaupten, dass das Geschäft mit der Wallfahrt blüht. Der Laden mit dem größten Kitsch, der mich immer begeistert hat, ist leider schon lange geschlossen. Und nun schließt auch das benachbarte Geschäft.
Zahlreiche Läden, Restaurants und Hotels haben geschlossen. Der Leerstand im Umkreis des Heiligtums ist größer als in Duisburg-Hochfeld. Hier einige Beispiele.
Kostbare Paramente gibt es nur noch in Köln.
Früher wurden die Pilger unterwegs fotografiert und konnten die Fotos nach ihrer Ankunft hier kaufen. Jetzt müssen sie ihre Selfies selber machen.
Etliche Hotels, Restaurants und Cafés haben aufgegeben.
Selbst solch ein zukunftsträchtiges Gewerbe wie der Verleih von Videocassetten und DVDs hat hier keine Chance mehr.



























