Weihrauchcity 2026

Es wurde mal wieder Zeit für eine agnostische Wallfahrt nach Weihrauchcity.

Weihrauchcity Kerzen, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Eine Reportage über eine meiner früheren Wallfahrten 2011 finden Sie hier: Ratzinger im Bundestag – Hafenstaedter in Kevelaer.

Auf den ersten Blick hatte sich nicht viel verändert. Der heilige Georg erlegt den teuflischen Drachen nach wie vor locker, wie nebenbei mit seiner Lanze. Geschaffen von einem alten Oberammergauer Meister ohne Preisschild und Jahr. Seltsam, dass ich das arme Monster wieder einmal viel sympathischer finde als den Helden.

Doch dem erfahrenen Wallfahrer fallen Veränderungen auf. In der Marien-Basilika hing viele Jahre lang über dem schwebenden Kruzifix eine riesige blutrote Dornenkrone mit eingebauten Scheinwerferchen. Diese Installation ist nun verschwunden. Ist der Leuchter einfach nur in Reparatur? Oder war er wegen der krassen Effekthascherei nun doch zu peinlich?

Weihrauchcity, Marien-Basilika, September 2011, mit Dornenkronenleuchter. Foto Copyright Hafenstaedter

Weihrauchcity, Marien-Basilika, Oktober 2026, ohne Dornenkronenleuchter. Foto Copyright Hafenstaedter

In der angrenzenden Beichtkapelle sind Reliquien ausgestellt, u.a. von Johannes Paul II. „Bei der Reliquie handelt es sich um ein in Blut getränktes Stück Stoff seiner Soutane“.

Gegenüber wird eine Reliquie von Pius X. gezeigt. Diesen Papst haben sich die Anhänger von Marcel Lefebvre als Namensgeber ausgesucht: Priesterbruderschaft St. Pius X. Ob sie hier nach ihrem Aufstand gegen den neuen Papst weiter willkommen sind?

Fotos dieser Ausstellung möchte ich nicht zeigen. Der Reliquienkult wirkt auf Außenstehende sehr befremdlich. Aber ich gebe zu bedenken, dass andere sich ähnliches abgeguckt haben. Unsere kommunistischen Freunde haben z.B. Lenin, Mao und Ho Chi Minh einbalsamiert und zur Verehrung ausgestellt.

Der Wallfahrtsbetrieb geht wie gewohnt weiter. Dackel wurden diesesmal nicht gesegnet. Dafür fand am 3. Oktober eine Oldtimer-Traktoren-Wallfahrt statt. Ca. 50 geschmückte, stinkende Diesel-Trecker fuhren langsam am Heiligtum vorbei und wurden mit Weihwasser bespritzt. Diese Zeremonie bereitete offenbar allen Beteiligten großes Vergnügen. Vielleicht könnte man das noch steigern, wenn Wasserpistolen zum Einsatz kämen.

Weihrauchcity, Oldtimer-Traktoren, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Weihrauchcity, Oldtimer-Traktoren, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

In den Auslagen der Andenkenläden gab es früher immer zahlreiche Abbildungen und Figürchen von Päpsten. Wojtyła und Ratzinger standen hoch im Kurs und vereinzelt konnte man auch Bergoglio finden, wenn man danach suchte. Unter Prevost sind nun plötzlich alle Papstbilder verschwunden. Hat das etwas zu bedeuten? Pater Pio statt Papst?

Weihrauchcity, Postkarten ohne Papst. Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Die magischen schwarzen Gewitterkerzen gibt es nach wie vor. Doch sie sind nun mit einer Rechtfertigung aus „kirchlichen Unterlagen“ versehen mit Wikipedia als Quelle. Aberglaube wird als Volksfrömmigkeit zur katholischen Tradition.

Weihrauchcity, Gewitterkerzen, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Man kann nicht behaupten, dass das Geschäft mit der Wallfahrt blüht. Der Laden mit dem größten Kitsch, der mich immer begeistert hat, ist leider schon lange geschlossen. Und nun schließt auch das benachbarte Geschäft.

Weihrauchcity, Geschäftsaufgabe, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Weihrauchcity, Geschäftsaufgabe, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Zahlreiche Läden, Restaurants und Hotels haben geschlossen. Der Leerstand im Umkreis des Heiligtums ist größer als in Duisburg-Hochfeld. Hier einige Beispiele.

Kostbare Paramente gibt es nur noch in Köln.

Weihrauchcity, geschlossener Laden für Paramente, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Früher wurden die Pilger unterwegs fotografiert und konnten die Fotos nach ihrer Ankunft hier kaufen. Jetzt müssen sie ihre Selfies selber machen.

Weihrauchcity, Prozessionsfotos geschlossen, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Etliche Hotels, Restaurants und Cafés haben aufgegeben.

Weihrauchcity, Hotel / Restaurant geschlossen, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Weihrauchcity, Restaurant geschlossen, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Weihrauchcity, Café geschlossen, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Weihrauchcity, Eiscafé geschlossen, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

Selbst solch ein zukunftsträchtiges Gewerbe wie der Verleih von Videocassetten und DVDs hat hier keine Chance mehr.

Weihrauchcity, Video DVD geschlossen, Oktober 2026. Foto Copyright Hafenstaedter

 

 

 

 

 

Ratzinger im Bundestag – Hafenstaedter in Kevelaer

Seit einiger Zeit quälten mich nächtens seltsame Visionen. Ein siebenköpfiger Drache mit zehn Hörnern sprach zu mir: „Weißt Du, Hafenstaedter, vielleicht ist ja der rheinische Katholizismus doch ganz sympathisch. Soll ich nicht rasch eine Nottaufe vornehmen?“ Ich erwachte ungetauft, doch schweißgebadet. So konnte es nicht weitergehen, es musste etwas geschehen. In solch einem Fall hilft nur noch eins: Eine Wallfahrt nach Weihrauchcity! Ich war schon zwei Jahre nicht mehr dort – kein Wunder, wenn mich die Schreckensvisionen mit den Versuchungen des heiligen Antonius überkommen.

Ich machte mich also auf den langen, beschwerlichen Weg durch den unendlich flachen linken Niederrhein, um meinen Glauben aufzufrischen. Und siehe da, es wirkte. Als Zweifelnder zog ich aus, als gefestigter Agnostiker kehrte ich heim. Hier mein Bericht, was ich mit eig‘nen Augen sah…

Dackelandacht

Fünfzig Dackel versammelten sich in Begleitung eines Priesters direkt vor dem Heiligtum. Sie beteten lange andächtig zum heiligen Waldi. Und am Ende erscholl aus fünfzig Kehlen ein fröhliches „Wuff, wuff, – ein Wunder ist geschehen – ich kann wieder kläffen!“

Ein Deutscher Schäferhund bewacht die Deutsche Krippe. Gemeinsam mit Lohengrins Schwan.

Gewitterkerzen
„Es ist ein alter Brauch bei Gewitter eine schwarze Kerze anzuzünden um Blitz und Donner abzuwenden. Gewitterkerze. Stück 4,30 EUR“.

Welcher heidnische Aberglaube mag mit den Ratzinger-Kerzen verbunden sein?

Und warum winden sich die Opferkerzen so obszön?

Oh, Leuchtmadonna aus Fatima, bei Deinem Schein entschläft die Vernunft.

Und im Neon Crucifix glimmt der Gekreuzigte in Höllenqualen.

Es grüßt: verstrahler Softi-Jesus mit ohne Sandalen.

Sebastian räkelt sich gespickt.

„Durch die Wiederaufwertung des menschlichen Körpers und seiner Schönheit wird bis in die Spätrenaissance auch das Schmerzhafteste übertrieben ‚geschönt‘, so daß mehr als die Folter die männliche Kraft oder die weibliche Sanftheit, mit der die Heiligen Schmerzen ertragen, in den Vordergrund tritt. Die Gefälligkeit wirkt nicht selten fast homophil wie bei den verschiedenen Bildern des Martyriums des heiligen Sebastian.“
Eco, Umberto (Hg.): Die Geschichte der Häßlichkeit, München: dtv 2010.

Über dem Altar der Wallfahrtskirche: ein blutüberströmter Mel-Gibson-Jesus mit metergroßer Dornenkrone und Effektbeleuchtung.

Kruzifix für Halloween? Oder vielleicht doch für eine satanistische Sekte? Man weiß es nicht.

Ratzinger segnet alles ab, was der Macht der Wahrerin des wahren Glaubens dient.

Doch die Rettung naht: Fluchtmöglichkeit dank Ufoverleih J. Wehling!

Wahlkampf in Weihrauchcity

Diese Botschaft kleben anonyme Obskurantisten an die Laternenpfähle des Marienwallfahrtsorts Kevelaer am Niederrhein.

Unter lauter Anführungsstrichen und Ausrufungszeichen bleibt die Botschaft verborgen.

Am 30. August findet die Kommunalwahl statt. Die wahren Katholiken wollen intervenieren, können sich aber nicht artikulieren. Wollen sie den alten Bürgermeister von der CDU durch einen neuen ersetzen? Einen, der im Geiste Papst Leo XIII. handelt und die Welt nur noch in die Anhänger des wahren Glaubens und die Kräfte Satans einteilt, die von der Freimaurerei angeführt werden?

Wenn es einen solchen Kandidaten gibt, würde ich doch liebend gern seinen Namen erfahren. Wahrscheinlich flüstert mir Maria den Namen in’s Ohr, wenn ich nur lange genug lateinisch bete.

Papst Leo XIII. amtierte von 1878 bis 1903 und ging in die Geschichte ein als Förderer von Léo Taxil, der die abenteuerlichsten Geschichten über den angeblichen Satanismus der Freimaurer erfand, die jedermann sofort als absurde Fälschungen erkennen musste, es sei denn, er hätte einen festen katholischen Glauben. (Vergl. z.B. Enzyklika Humanum genus.)

Taxil, mit richtigem Namen Jogand-Pagès, erwies sich schließlich als einer der ersten Kommunikationsguerilleros, als er den Schwindel selbst auffliegen ließ und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Theologen verspottete, die seine Ammenmärchen vor aller Welt als Tatsachen ausgegeben hatten.