Die Stadtverwaltung hat jetzt begonnen, im Rahmen des Umweltschutzes alle nicht hochgiftigen Stellen der Stadt als „mindergiftig“ zu kennzeichnen.
Nach fast einem Jahr Pause sind wir wieder da. Von nun an gibt es wieder Fotos und Notate aus der Hafenstadt und gegen Duisburg.
So fleißig wie der Kollege von Amore e rabbia werden wir aber nie werden. Er feierte kürzlich den zweiten Jahrestag und insgesamt 580 Einträge. Solidarische Grüße gehen von hier an die Liebe und den Zorn.
Na, wenn das keine Aufforderung ist, endlich weiterzumachen? Siehe 2. Mai 2009.
Abseits der kulturellen Leuchtturmprojekte – und nur dort – tut sich so einiges in der Hafenstadt. Ein Beispiel ist die Gruppe Turlitawa, deren Mitglieder in Duisburg und Umgebung wohnen. Zum ersten mal sah ich sie bei einem beeindruckenden Auftritt am 24. Mai im Komma-Theater in Rheinhausen. Auf der Bühne und im Publikum wirkten damals viele Bewohnerinnen und Bewohner des beim Mittelstandspöbel verhassten Bergheimer „Problemhauses“ mit.
Jetzt also ein Wiedersehen mit Turlitawa. Im Rahmen der Veranstaltungsserie Odyssee von (WDR-) Funkhaus Europa trat die Band am 19. Juli im Freilichttheater am Ringlokschuppen in Mülheim auf. Als Gäste wurden die Musiker des Agusevi Dzmabo Orchestar aus Skopje begrüßt.
Der Name Turlitawa steht für ein Eintopfgericht aus Mazedonien. Musikalisch handelt es sich um eine Mischung von Balkan- und Roma-Musik mit Jazz und elektronischer Musik.
Die Stärke der Formation sind ihre Live-Auftritte, die jedesmal ein Erlebnis sind und das Publikum von den Plätzen reißen. Die stärksten Momente sind „tanzbarer Freejazz“.
Auf der gerade neu erschienenen ersten Turlitawa Studio-CD Tziganorama vermisse ich leider die Improvisationen und das wunderbar Schräge der Live-Auftritte.
Funkhaus Europa hat den Auftritt in Mülheim mitgeschnitten – man kann nur hoffen, dass dieser Mitschnitt gesendet und verfügbar wird. Einen kleinen Eindruck vermitteln – leider nur visuell – diese Hafenstaedter-Fotos (bitte auf das jeweilige Foto klicken):
P.S.:
Sendetermin des Turlitawa-Mitschnitts vom 19.7. auf WDR – Funkhaus Europa ist
Montag, 22.7.13 23:00 bis 0:00
Ein paar Videoclips von den Proben findet man hier:
http://www.youtube.com/user/tziganorama?feature=watch
Heute wurde die Hafenstadt wieder einmal heimgesucht vom rassistischen Wanderzirkus der PRO-Bewegung.

Gegendemonstration: „Rassismus kann tödlich sein! Zu Risiken und Nebenwikungen lesen Sie ein Geschichtsbuch“
Wenn hochrangige Politiker wie Bundesinnenminister Friedrich Bedrohungsangst gegenüber Flüchtlingen schüren und ein großer Teil der Massenmedien ihnen dabei assistieren, dann steht selbstverständlich auch die extreme Rechte bereit, Öl in‘s Feuer zu gießen. Das Bild mit dem Feuer muss man wörtlich nehmen. Die heutige Situation wird häufig mit der kurz vor den Pogromen Anfang der 1990er Jahre verglichen, teils als alarmistische Mahnung, teils aber auch als unverhohlene Drohung. In einem solchen Klima sieht die extreme Rechte (wieder einmal) ihre Stunde gekommen. Sie wähnt sich am Beginn des von ihr ersehnten Bürgerkrieges und als entschlossene und tatkräftige Vollstecker des vermeintlichen Volkswillens.

PRO-Zirkus: Sämtliche Teilnehmer (nein, die Polizisten gehören nicht dazu) während des Höhepunkts der PRO-NRW-Kundgebung in Duisburg-Bergheim, 12.3.2013, 13:10 Uhr
Soweit die Theorie. Die Praxis sieht dann aber doch zum Glück noch anders aus. Selbst die wildgewordenen Spießer, die mit rassistischen und antiziganistischen Parolen gegen ihre neuen Nachbarn aus Bulgarien und Rumänien Sturm laufen, haben sich von Pro-NRW distanziert. Der Duisburger Kreisverband von Pro-NRW ist nach wie vor nur ein Phantom, und auf dessen Website wird als aktuellste Meldung das vergangene Weihnachtsfest angekündigt.
So blieb man also wieder einmal unter sich, und das ist gut so. Die Herrschaften fuhren mit Kleinbussen und PKWs vor, hielten in einem Käfig aus Polizeigittern ihre kurze Kundgebung ab und verschwanden dann wieder. Ich zählte 27 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (13:10 Uhr, inklusive Pressevertreter, Zivilpolizisten etc.) Das soll also der groß angekündigte „Höhepunkt“ der Kundgebungstournee durch ganz NRW gewesen sein.
Etwa 300 Gegendemonstranten (das ist für Duisburger Verhältnisse an einem Werktag-Vormittag, bei klirrender Kälte und an einem abgelegenen Ort sehr viel) protestierten gegen Rassismus. Sie solidarisierten sich mit den bulgarischen und rumänischen Bewohnerinnen und Bewohnern des sogenannten „Hochhauses“ in DU-Rheinhausen-Bergheim. Das wurde aber auch mal Zeit! So hatte also die Provokation der Rassisten den positiven Nebeneffekt, dass die Duisburger Zivilgesellschaft endlich einmal Flagge gezeigt hat zugunsten der Flüchtlinge.

Gegendemonstration: „Duisburger Schüler-innen gegen Rechtspopulismus – Gegen Antiziganismus und soziale Ausgrenzung!“
Höhepunkt der Gegenkundgebung war in meinen Augen die mutige Rede eines Schülers einer Rheinhausener Gesamtschule. Obwohl es seine erste Rede vor großem Publikum war, gelang es ihm, präzise und klar zu argumentieren und das auch verständlich vorzutragen. Rassismus und Antiziganismus wurden von ihm klar benannt und in einen politischen Kontext eingeordnet. Er sparte nicht an scharfer Kritik gegenüber Medien und Politikern und schloss dabei anwesende Politiker nicht aus, denen er „Heuchelei“ vorwarf. Der Schüler zitierte Äußerungen seines Vorredners Sören Link (Duisburger Oberbürgermeister) in der BILD-Zeitung, die ganz anders klangen, als dessen heutige Rede. Die Kritisierten reagierten auf diese undiplomatische jugendliche Analyse wie beleidigte Leberwürste.
Einige Hafenstaedter-Fotos können Sie jetzt auch als Postkarte käuflich erwerben. Die Buchhandlung Weltbühne hat eine Serie mit sechs Motiven im Angebot. Näheres lesen Sie auf dem Buchladen-Blog: Schöne Postkarten!
Hier sehen Sie die Motive, die Sie per Versand als Paket oder in der Weltbühne auch einzeln bekommen können:






Die Tageszeitung junge welt aus Berlin schreibt über die Zeitschrift aus der Hafenstadt DER METZGER:
Zum Jubiläum gibt es nun ein etwas dickeres, 52 Seiten starkes Heft, denn nach 100 Ausgaben gilt es, endlich einmal Bilanz zu ziehen. In einem ausführlichen Interview beantwortet der Herausgeber 33 1/3 Fragen, die sich der Musiker und Dichter A.S.H. Pelikan sowie der Blogger Heinrich Hafenstaedter ausgedacht und aufgezeichnet haben.
Lesen Sie bitte hier: Minderheit der Minderheit (jw 10.8.2012)
Den METZGER bekommen Sie hier: Buchhandlung Weltbühne
Der nackte David vor dem Lehmbruckmuseum sei „eine Skulptur des Anstoßes„, schreibt heute die WAZ.
Mit einer Holzlatte, so wird vermutet, schlugen Vandalen in der Nacht zum 21. Juni der anderthalb Tonnen schweren Figur gezielt zwischen die Beine. Seitdem ist David eines Gutteils seiner sichtbaren Männlichkeit beraubt. […]
es gibt fünf bis sechs Einschläge von Steinwürfen, die ebenfalls erhebliche Schäden angerichtet haben. Dazu noch zwei bis drei weitere, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.
Die sexuelle Erregung der Duisbourgeoisie hat Tradition. 1927 wurde in Duisburg die Kniende von Wilhelm Lehmbruck geschändet. Der Schriftsteller Erich Weinert schrieb damals dieses Gedicht.
Erich Weinert
Duisburger Bilderstürmer
Sie sahen ein nacktes Mädchen knien.
Das war natürlich aus Bronze.
Sie hatten Tod und Verderben gespien
In einer Protestannonce.
Der Vaterländische Frauenverein,
Als Abwehrfront gegen Schweinerein,
Marschierte hinaus zum Parke,
Von Sitteneifer durchbebt,
Und hat eine Wohlfahrtsmarke
ihm unter den Bauch geklebt.
Und täglich standen Vereine herum
Von seminaristischen Tanten,
Kulturbärten aus dem Gymnasium
Und Seelsorgepraktikanten.
Und mancher, der zuviel Anstoß nahm,
Sehr angestoßen nach Hause kam.
Ein Fräulein aus dem Lyzeum,
Das hängt dem ehernen Bild
Ein Badetuch aus Frotte um.
Der Busen machte es wild.
Ein Schutzmann, der nahm das Denkmal in Schutz
Da sah man Hutnadeln drohen:
Will uns der Stadtrat mit diesem Schmutz
Noch weiter sittlich verrohen?
Dann griff man zu einem dustern Komplott.
Ein beherzter Ritter zog aus mit Gott
Bei Nacht, mit dem Mute der Reinheit,
Als ginge es zum Fememord,
Und hauten der nackten Gemeinheit
Die Extremitäten fort.
Nun wird der sittenstarke Chirurg.
Der Held des flanellenen Eros,
In den Kaffeekränzchen von Duisburg
Zum lorbeerisierten Heros.
Und Nacktheit wird öffentlich überhaupt
Nur noch in öffentlichen Häusern erlaubt.
So endete die Bewegung,
Und auch die Harmonie
Die sexuelle Erregung
Der Duisbourgeoisie.
Zitiert nach: Salzmann, Siegfried: “Hinweg mit der ‘Knienden’”. Ein Beitrag zur Geschichte des Kunstskandals, Duisburg: Museumsverein Duisburg e.V. 1981 (2., unveränderte Auflage).
Am ersten Juni gab es wieder eine Nachttanzdemo in der Hafenstadt, und selbstverständlich waren wir wieder dabei.
An den Forderungen hat sich nicht viel geändert. Zwar hat die Hafenstadt es geschafft, den Duisburger Oberbürgermeister aus dem Amt zu jagen, an der Spitze der Verwaltung hat sich dadurch aber nichts gebessert.
Die jungen Leute von DU it yourself! fordern ein unabhängiges Kulturzentrum in der Hafenstadt. Dabei geht es nicht einmal um eine finanzielle Unterstützung, obwohl sie darauf einen Anspruch hätten. Sie fordern Aufgabe der Blockadepolitik der Verwaltung und Hilfestellung bei der Erfüllung von Auflagen wie Lärm- und Brandschutz. Das ist alles. Und man fragt sich verwundert, warum die Stadt Duisburg nicht sofort zugreift und stattdessen jeden ernsthaften Dialog verweigert.
Doch zum Glück lassen sich die jungen Leute nicht zermürben und verbittern, sie haben einen langen Atem.
In der Hafenstadt haben sich sieben Initiativen zu einem Bündnis zusammengeschlossen unter dem Namen DU erhät(st) Kultur. Und im neugegründeten Netzwerk X bahnt sich eine Zusammenarbeit mit Initiativen in anderen Ruhrgebietsstädten an. Für Ende Juni ist in der Hafenstadt eine dreitägige Konferenz Recht auf Stadt geplant (22.-24.6.2012, Gemeindehaus Duisburg-Ruhrort).


Die Nachttanzdemo war noch größer als im Vorjahr; ich schätze achthundert Leute, vielleicht sogar noch mehr. Das Motto auf dem Fronttransparent: „Für mehr Bewegung in einer stehenden Stadt“.
Zwei Musikwagen, ein Wagen vom Netzwerk X mit Livemusik, ein Punk-Bollerwagen und eine Sambatruppe.
Schilder in Spruchblasenform: „Sinn injizieren“, „Pfff“, „Umarmung ist die beste Waffe“, „Rette mich“, „Hier ist es immernoch Scheiße!“ „Revolution ohne Scheiß“, „???“, „Akzeptierende schweigende Masse“, „Herdentier“, „Küss mich“, „Et knallt“.
Transparente an den Wagen: „Wir wollen kein Stück vom Kuchen, sondern das Rezept verändern“. „Der Unterschied zwischen unseren Städten & Joghurt ist, dass Joghurt aktive lebendige Kulturen enthält“. „Vielfältige Kultur und Recht auf Stadt in Duisburg und überall“. „Alle für die Kunst“. „Für eine Welt, in der einfach alle Platz haben“.
Die Polizei hielt sich im Gegensatz zu früheren Gelegenheiten sehr zurück und beschränkte sich darauf den Verkehr zu regeln. Deshalb blieb alles entspannt, friedlich und fröhlich.
In Hochfeld bestaunten (ganz anders als in den öden Straßenzügen der Stadtmitte) zahlreiche Anwohner den Demonstrationszug. Ganze Familien hatten sich neugierig am offenen Fenster versammelt. Ein solcher fröhlicher Umzug war eine willkommene Abwechslung, auch wenn die meisten das Anliegen der Demonstration nicht mitbekommen haben dürften. Musik und Auftreten vermitteln aber auch eine Botschaft. Kinder winkten, Passanten lächelten. Kein vernünftiger Mensch, sondern allenfalls ein Extremismusforscher brächte es fertig, eine linksradikale Sambatrommel und eine Marschtrommel der Neonazis zu velwechsern.
Ich kann sogar bezeugen, dass es Anwohner gab, die die Musik hörten und sich tatsächlich spontan dem Demonstrationszug anschlossen. Das erzählten sie mir während der Abschlusskundgebung auf dem Platz vor der Pauluskirche. Die endete pünktlich um zweiundzwanzig Uhr; mit den Auflagen nimmt man es sehr genau in Duisburg. Schade.
Das nächste mal sind wir wieder dabei.
P.S.: Weitere Berichte zur Nachttanzdemo:
* Artikel in der WAZ (30.5.2012): „DU it yourself“ demonstriert weiter für ein soziokulturelles Zentrum in Duisburg
* Interview auf dem Blog Ruhrbarone (30.5.2012): Interview zur Duisburger Nachttanzdemo: “Man bleibt hier gerne alten Mustern treu”
* Mitschnitt eines Radiointerviews auf Funkhaus Europa
* Auf youtube findet man auf dem Kanal von 1206Dirk fünf schöne Videos von der Nachttanzdemo und drei vom Flashmob Netzwerk X
* Presseerklärung von DU it youself (3.6.2012): 2. Nachttanzdemo am 1. Juni 2012 erfolgreich und bunt
* Ein weiteres gutes Video
* Rheinische Post (4.6.2012): Duisburg: „Nachttanzdemo“ für mehr Kultur in der Stadt
* WAZ (5.4.2012): Nachttanzdemo für ein unabhängiges Kulturzentrum in Duisburg
P.P.S.: Zu den Fotos:
1. Die Gesichter der Abgebildeten sind nachträglich bearbeitet.
2. Alle Uhren am Duisburger Hauptbahnhof blieben schon vor ein paar Tagen um 47 Minuten nach 12 stehen. Wie passend! Stehende Uhren in einer stehenden Stadt. Die Nachttanzdemo begann selbstverständlich nicht Mittags, sondern erst um 19 Uhr.