Menschenspur. Hochfeld, Saarbrücker Straße, spätes 20. Jahrhundert.
Autorenarchiv: Heinrich Hafenstaedter
Spontangraffiti (2): Sonntagsspaziergang
Spontangraffiti (1): Unser Tag soll schöner werden
Die sexuelle Erregung der Duisbourgeoisie
Der nackte David vor dem Lehmbruckmuseum sei „eine Skulptur des Anstoßes„, schreibt heute die WAZ.
Mit einer Holzlatte, so wird vermutet, schlugen Vandalen in der Nacht zum 21. Juni der anderthalb Tonnen schweren Figur gezielt zwischen die Beine. Seitdem ist David eines Gutteils seiner sichtbaren Männlichkeit beraubt. […]
es gibt fünf bis sechs Einschläge von Steinwürfen, die ebenfalls erhebliche Schäden angerichtet haben. Dazu noch zwei bis drei weitere, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.
Die sexuelle Erregung der Duisbourgeoisie hat Tradition. 1927 wurde in Duisburg die Kniende von Wilhelm Lehmbruck geschändet. Der Schriftsteller Erich Weinert schrieb damals dieses Gedicht.
Erich Weinert
Duisburger Bilderstürmer
Sie sahen ein nacktes Mädchen knien.
Das war natürlich aus Bronze.
Sie hatten Tod und Verderben gespien
In einer Protestannonce.
Der Vaterländische Frauenverein,
Als Abwehrfront gegen Schweinerein,
Marschierte hinaus zum Parke,
Von Sitteneifer durchbebt,
Und hat eine Wohlfahrtsmarke
ihm unter den Bauch geklebt.
Und täglich standen Vereine herum
Von seminaristischen Tanten,
Kulturbärten aus dem Gymnasium
Und Seelsorgepraktikanten.
Und mancher, der zuviel Anstoß nahm,
Sehr angestoßen nach Hause kam.
Ein Fräulein aus dem Lyzeum,
Das hängt dem ehernen Bild
Ein Badetuch aus Frotte um.
Der Busen machte es wild.
Ein Schutzmann, der nahm das Denkmal in Schutz
Da sah man Hutnadeln drohen:
Will uns der Stadtrat mit diesem Schmutz
Noch weiter sittlich verrohen?
Dann griff man zu einem dustern Komplott.
Ein beherzter Ritter zog aus mit Gott
Bei Nacht, mit dem Mute der Reinheit,
Als ginge es zum Fememord,
Und hauten der nackten Gemeinheit
Die Extremitäten fort.
Nun wird der sittenstarke Chirurg.
Der Held des flanellenen Eros,
In den Kaffeekränzchen von Duisburg
Zum lorbeerisierten Heros.
Und Nacktheit wird öffentlich überhaupt
Nur noch in öffentlichen Häusern erlaubt.
So endete die Bewegung,
Und auch die Harmonie
Die sexuelle Erregung
Der Duisbourgeoisie.
Zitiert nach: Salzmann, Siegfried: “Hinweg mit der ‘Knienden’”. Ein Beitrag zur Geschichte des Kunstskandals, Duisburg: Museumsverein Duisburg e.V. 1981 (2., unveränderte Auflage).
Bewegung in einer stehenden Stadt
Am ersten Juni gab es wieder eine Nachttanzdemo in der Hafenstadt, und selbstverständlich waren wir wieder dabei.
An den Forderungen hat sich nicht viel geändert. Zwar hat die Hafenstadt es geschafft, den Duisburger Oberbürgermeister aus dem Amt zu jagen, an der Spitze der Verwaltung hat sich dadurch aber nichts gebessert.
Die jungen Leute von DU it yourself! fordern ein unabhängiges Kulturzentrum in der Hafenstadt. Dabei geht es nicht einmal um eine finanzielle Unterstützung, obwohl sie darauf einen Anspruch hätten. Sie fordern Aufgabe der Blockadepolitik der Verwaltung und Hilfestellung bei der Erfüllung von Auflagen wie Lärm- und Brandschutz. Das ist alles. Und man fragt sich verwundert, warum die Stadt Duisburg nicht sofort zugreift und stattdessen jeden ernsthaften Dialog verweigert.
Doch zum Glück lassen sich die jungen Leute nicht zermürben und verbittern, sie haben einen langen Atem.
In der Hafenstadt haben sich sieben Initiativen zu einem Bündnis zusammengeschlossen unter dem Namen DU erhät(st) Kultur. Und im neugegründeten Netzwerk X bahnt sich eine Zusammenarbeit mit Initiativen in anderen Ruhrgebietsstädten an. Für Ende Juni ist in der Hafenstadt eine dreitägige Konferenz Recht auf Stadt geplant (22.-24.6.2012, Gemeindehaus Duisburg-Ruhrort).


Die Nachttanzdemo war noch größer als im Vorjahr; ich schätze achthundert Leute, vielleicht sogar noch mehr. Das Motto auf dem Fronttransparent: „Für mehr Bewegung in einer stehenden Stadt“.
Zwei Musikwagen, ein Wagen vom Netzwerk X mit Livemusik, ein Punk-Bollerwagen und eine Sambatruppe.
Schilder in Spruchblasenform: „Sinn injizieren“, „Pfff“, „Umarmung ist die beste Waffe“, „Rette mich“, „Hier ist es immernoch Scheiße!“ „Revolution ohne Scheiß“, „???“, „Akzeptierende schweigende Masse“, „Herdentier“, „Küss mich“, „Et knallt“.
Transparente an den Wagen: „Wir wollen kein Stück vom Kuchen, sondern das Rezept verändern“. „Der Unterschied zwischen unseren Städten & Joghurt ist, dass Joghurt aktive lebendige Kulturen enthält“. „Vielfältige Kultur und Recht auf Stadt in Duisburg und überall“. „Alle für die Kunst“. „Für eine Welt, in der einfach alle Platz haben“.
Die Polizei hielt sich im Gegensatz zu früheren Gelegenheiten sehr zurück und beschränkte sich darauf den Verkehr zu regeln. Deshalb blieb alles entspannt, friedlich und fröhlich.
In Hochfeld bestaunten (ganz anders als in den öden Straßenzügen der Stadtmitte) zahlreiche Anwohner den Demonstrationszug. Ganze Familien hatten sich neugierig am offenen Fenster versammelt. Ein solcher fröhlicher Umzug war eine willkommene Abwechslung, auch wenn die meisten das Anliegen der Demonstration nicht mitbekommen haben dürften. Musik und Auftreten vermitteln aber auch eine Botschaft. Kinder winkten, Passanten lächelten. Kein vernünftiger Mensch, sondern allenfalls ein Extremismusforscher brächte es fertig, eine linksradikale Sambatrommel und eine Marschtrommel der Neonazis zu velwechsern.
Ich kann sogar bezeugen, dass es Anwohner gab, die die Musik hörten und sich tatsächlich spontan dem Demonstrationszug anschlossen. Das erzählten sie mir während der Abschlusskundgebung auf dem Platz vor der Pauluskirche. Die endete pünktlich um zweiundzwanzig Uhr; mit den Auflagen nimmt man es sehr genau in Duisburg. Schade.
Das nächste mal sind wir wieder dabei.
P.S.: Weitere Berichte zur Nachttanzdemo:
* Artikel in der WAZ (30.5.2012): „DU it yourself“ demonstriert weiter für ein soziokulturelles Zentrum in Duisburg
* Interview auf dem Blog Ruhrbarone (30.5.2012): Interview zur Duisburger Nachttanzdemo: “Man bleibt hier gerne alten Mustern treu”
* Mitschnitt eines Radiointerviews auf Funkhaus Europa
* Auf youtube findet man auf dem Kanal von 1206Dirk fünf schöne Videos von der Nachttanzdemo und drei vom Flashmob Netzwerk X
* Presseerklärung von DU it youself (3.6.2012): 2. Nachttanzdemo am 1. Juni 2012 erfolgreich und bunt
* Ein weiteres gutes Video
* Rheinische Post (4.6.2012): Duisburg: „Nachttanzdemo“ für mehr Kultur in der Stadt
* WAZ (5.4.2012): Nachttanzdemo für ein unabhängiges Kulturzentrum in Duisburg
P.P.S.: Zu den Fotos:
1. Die Gesichter der Abgebildeten sind nachträglich bearbeitet.
2. Alle Uhren am Duisburger Hauptbahnhof blieben schon vor ein paar Tagen um 47 Minuten nach 12 stehen. Wie passend! Stehende Uhren in einer stehenden Stadt. Die Nachttanzdemo begann selbstverständlich nicht Mittags, sondern erst um 19 Uhr.
Der weiße Wal
Ein Papiergraffito auf einem Stromkasten in Hochfeld. Man beachte die wunderschönen Tattoos des weißen Wales.
In der Hafenstadt ist die Erinnerung immer noch wach an den weißen Wal, der am 18. Mai 1966 plötzlich im Rhein auftauchte. Zoodirektor Wolfgang Gewalt jagte den Wal wochenlang vergeblich und wurde von den Hafenstaedtern als Kapitän Ahab verspottet. Am 16. Juni 1966 verließ der weiße Wal den (damals noch giftigen und stinkenden) Rhein siegreich in Richtung Nordsee.
Glotzenköppe
Und hier gleich noch ein weiteres Graffito auf dem Eisenbahnviadukt in DU-Rheinhausen. Herr und Frau Einschaltquote. Deren Horizont bestimmt unser Fernsehprogramm.
Das Motiv findet man auch in verschiedenen Varianten bei Banksy. Schauen Sie sich einmal das hier an: klicken Sie HIER.
In der Hafenstadt ist der kulturelle Untergrund erfreulicherweise schon so weit gediehen, dass verschiedene Künstler das selbe Thema unabhängig voneinander bearbeiten. Hier sehen Sie Sprühschablonen-Graffiti mit einem Glotzenkopp, die in DU-Neudorf für Irritation sorgen.
raketEn stop
Was Sie hier sehen, ist ein Dokument der Zeitgeschichte und sollte unter Denkmalschutz gestellt werden.
Auf einem der Pfeiler des Eisenbahnviadukts in DU-Rheinhausen sieht man stark verblasst, aber immer noch deutlich sichtbar ein zwei Meter großes „E“. Das ist der letzte erhalten gebliebene Buchstabe eines Monumental-Graffitos. Der Text lautete einmal: „R-A-K-E-T-E-N S-T-O-P“. Heute mutet der Inhalt harmlos an. 1980, als das Graffito vermutlich entstand, war das anders.
Jaja, das war noch die gute alte Zeit, als die Ostermärsche noch richtige Ostermärsche waren… Nein, das war noch ein paar Jahre vorher.
Die Friedensbewegung gab es schon, und sie wuchs, aber in der veröffentlichten Meinung existierte sie nicht. Alle Redaktionen in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen waren sich einig: darüber berichten wir möglichst gar nicht oder – wenn es sich nicht vermeiden lässt, warnen wir die Bevölkerung vor den Agenten des Feindes, linksextremen Gewalttätern oder (bestenfalls) vor weltfremden Weltverbesserern. Solche Medienkonformität findet man heute nur noch, wenn Deutschland gerade mal wieder beginnt, sich an einem neuen Krieg zu beteiligen.
Wer sich damals allzu stark für die Friedensbewegung engagierte, riskierte etwas. Sozialdemokraten wurden aus ihrer Partei ausgeschlossen (damals gab es noch Sozialdemokraten in der SPD). Briefträger, Lockführer und Lehrer setzten ihre berufliche Existenz auf’s Spiel.
Das scheinbar so harmlose Graffito „R-A-K-E-T-E-N S-T-O-P“ markierte damals einen scharfen Dissens, der von unten kam und sich gegen das gesamte Establishment richtete.
Wer die Rheinbrücke zwischen Hochfeld und Rheinhausen überquerte (heute trägt sie den Namen „Brücke der Solidarität“) und nach Süden blickte, konnte die riesige Parole nicht übersehen. Die einen freuten sich, die anderen ärgerten sich, die dritten wunderten sich. So soll es sein.
Deshalb sollte man das „E“ unter Denkmalschutz stellen. Zur Mahnung und Anregung für kommende Generationen.
Ich Liebe Dich
loslassen
Dieses Sprühschablonen-Graffito findet der aufmerksame Beobachter (vielen Dank an Margarete Unverzagt für den freundlichen Hinweis!) in Duisburg-Wanheimerort am ehemaligen Luftschutzbunker Eschenstraße, Ecke Nikolaistraße.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich um eine bekannte Protestikone: der einsame, mutige, starke Streetfighter (fast immer männlich), der vor der Front einen Stein oder einen Brandsatz in Richtung der übermächtigen Polizei schleudert. In solchen Abbildungen vermengen sich Ästhetisierung von Gewalt, männliches Gepose aber auch das Motiv David gegen Goliath.
Bemerkenswerterweise wird von der Gegenseite, also z.B. von der BILD-Zeitung, genau dasselbe Bildmotiv verwendet, um bei den Lesern Bedrohungsgefühle zu wecken. Der im Foto festgehaltene zeitlich und räumlich eng begrenzte Moment wird aus dem Kontext gelöst und zum Symbol vermeintlicher bürgerkriegsähnlicher Verhältnisse gemacht. Auch hier findet eine Ästhetisierung der Gewalt statt. Oft werden in den Hintergrund brennende Fahrzeuge montiert, bei denen man mit Photoshop nachhilft, damit die Flammen schön kräftig orange lodern und der Qualm schön schwarz gen Himmel steigt. Oft habe ich den Eindruck, dass in Deutschland am Rande der im Vergleich zu anderen Ländern sehr, sehr friedlich ablaufenden Demonstrationen nur deshalb Autos angezündet werden, um beiden Seiten solche Bilder zu liefern.
Doch zurück zu unserem Graffito. Bei genauerem Hinsehen stellen wir fest, dass es sich bei der abgebildeten Person nicht um den allseits bekannten Streetfighter handelt, sondern dass mit diesem Motiv nur gespielt wird. Seine Körperhaltung ist nicht die eines Werfers. Er fängt etwas auf, oder er versucht etwas mit Gedankenkraft zu steuern, oder er lässt etwas los. Die Bildunterschrift „let go.“ deutet auf letztere Variante.
Doch was wurde da losgelassen? Es schwebt vor der Person in der Luft, aber es ist nicht genau zu erkennen. Handelt es sich vielleicht doch um den Brandsatz der Protestikone? Dann züngeln die Flammen aber in die falsche Richtung und der Brandsatz fliegt auf die Person zu. Ist die abgebildete Person ein Wahnsinniger, der glaubt, einen brennenden Molotowcocktail lässig im Fluge auffangen zu können? Nein, es muss sich um einen anderen Gegenstand handeln. Wahrscheinlich überlässt der Künstler das der Phantasie des Betrachters.
Ich meine jedenfalls, wir sehen dort eine schwebende, spitze Schreibfeder. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass mir persönlich der Kampf mit der Feder sehr viel mehr zusagt als der Kampf mit den Fäusten.
Von Banksy gibt es übrigens auch eine ganze Reihe von verfremdeten Streetfighter-Ikonen. Bei ihm werfen die Straßenkämpfer mit Blumensträußen. Doch sowas darf man vielleicht in England. In Deutschland würde ein Blumenwurf in Richtung gutgepanzerter Polizisten sicher als Mordversuch gewertet.












